19.08.2019: Wie fit ist MiFID II?

Untersuchung mit Lupe

Seit ihrem Inkrafttreten im Januar 2018 und ihrer Ergänzung durch die Verordnung (EU) 2017/565 kurze Zeit später, ist die Richtlinie 2014/65/EU (MiFID II) zunehmend in Kritik geraten. Insbesondere seit März 2019 wird die Richtlinie kontrovers diskutiert.

Wir wie berichteten wurde ein Jahr nachdem die Anpassungen in Kraft traten von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) eine Marktuntersuchung durchgeführt, um herauszufinden, wie die neuen Regelungen in der Praxis umgesetzt werden. Nun stellt sich die Frage, ob die Entwicklung nach den anfänglichen Startschwierigkeiten so positiv ausfällt, wie von der Bafin erhofft. Eine erneute Marktuntersuchung sollte Aufschluss darüber bringen. Neben der Umsetzung der neuen Anforderungen ist auch die Auswirkung auf den Markt ein wichtiger Faktor für die Beurteilung von MiFID II. Dies wurde von der Bafin und der Deutschen Kreditwirtschaft (DK), die den Lehrstuhl für Finanzierung und Kreditwirtschaft der Ruhr-Universität Bochum beauftragte, untersucht. Im Folgenden möchten wir kurz auf die Marktuntersuchungen beider sowie auf die Kritikpunkte zu MiFID II eingehen.

Berichte der Bafin:

Im Anschluss zu ihrer Marktuntersuchung zu Beginn 2019, veröffentlichte die Bafin im Mai 2019 ihre zweite Untersuchung in Form eines Berichts zu „MiFID II in der Praxis“ im Bafin Journal 05/2019. Hierbei fokussiert sie sich hauptsächlich darauf, wie gut die Institute die vorgeschriebenen Anforderungen umgesetzt haben. Besonderes Augenmerk wurde auf die eingeführten Verhaltenspflichten, wie die Telefonaufzeichnungen, die Geeignetheitserklärung und die ex-ante Offenlegung der Kosten gelegt. Kurzum: Die vorgeschriebenen Telefonaufzeichnungen setzen die Institute gut um und ebenso befindet sich die Prognosequalität der Kosten auf einem hohen Niveau. Bei der Geeignetheitserklärung jedoch gibt es viel Verbesserungspotential. Eine weitere Schwachstelle stellt die Kosten-Nutzen-Analyse dar.

Des Weiteren veröffentlichte die Bafin im Juni 2019 einen Bericht zu einer Studie, wie sich MiFID II und PRIIPS-VO auf das Verbraucherverhalten auswirken. Die Studie basiert auf einer Online-Erhebung, die vom 29.03.2019 bis 04.04.2019 durchgeführt wurde. In ihrem Bericht stellte die Bafin fest, dass die Ergebnisse ein differenziertes Bild ergeben. Laut Bafin steht die Mehrheit der Befragten den neuen Pflichten positiv gegenüber. Jedoch äußerten sich einige negativ zu der Informationsfülle, welche auch von Kritikern bereits angemerkt wurde. So haben im Ergebnis 53 % der Befragten eine Wertpapiertransaktion getätigt, ohne den Kostenausweis und 38 % ohne die Geeignetheitserklärung gelesen zu haben. Eine häufige Begründung war der Umfang der Informationen der beiden Dokumente. 45 % der Befragten begrüßen jedoch den Inhalt und Umfang der neuen Informationsblätter.

Das Taping wurde von 71 % der Befragten, die nach dem 01.03.2018 telefonisch eine Wertpapiertransaktion getätigt haben, für sinnvoll erachtet. Dennoch würden 48 % der Befragten lieber auf die Aufzeichnung verzichten. 72 % der Befragten gaben sogar an, dass die vorherige Dokumentation in Form eines Protokolls ausreichend war.

Außerdem haben 60% der Befragten angegeben, dass sie ihr Verhalten zum Erwerb von Wertpapieren oder Finanzprodukten nicht geändert hätten. Gerade einmal 12 % gaben an, sich bewusst für Produkte mit geringeren Kosten entschieden zu haben. Nur 7 % gaben an, durch die neuen Basisinformation auch neue Produkte in Betracht zu ziehen. 6 % gaben jedoch an, auf Grund der Informationsfülle jetzt lieber in andere Produktarten als Wertpapiere zu investieren.

Das durchwachsene Bild der Studie zeigt, dass die Informationsfülle, welche den Kunden bei der Entscheidung unterstützen sollte, nur bedingt einen Vorteil bietet, da von vielen Kunden die Informationen nicht im Detail oder gar nicht durchgelesen werden. Dadurch stellt sich die Frage, ob die Regulierung dahingehend sinnvoll ist, da die Maßnahmen nur von rund der Hälfte der Kunden angenommen werden und sich zwischen informierten und nicht informierten Kunden die Waage hält. Gleichzeitig stößt die Studie bzw. eine Aussage zum Effekt der Regulierung aber auch dahingehend an ihre Grenzen, dass es keinen Vergleichswert derselben befragten Personen gibt, ob sie vorher bei einem Produktkauf alle Informationen im Detail gelesen haben. Es wäre interessant zu wissen, wie viele von den 53 % weniger gehaltvolle Informationsblätter gelesen hätten. Auch beim Taping zeigt sich, dass obwohl die Mehrheit der Befragten das Taping sinnvoll findet, viele im Endeffekt auch gerne darauf verzichten würden oder sogar die ursprüngliche Form des Protokolls bevorzugen. Letztlich scheint die neue Regulierung keinen bedeutenden Mehrwert für den Verbraucher zu bringen.

Berichte der DK:

Unabhängig von der Bafin untersuchte auch die DK in einer Studie, welche sie bei dem Lehrstuhl für Finanzierung und Kreditwirtschaft der Ruhr-Universität Bochum in Auftrag gegeben hatte, die Auswirkungen von MiFID II. Laut DK vertreiben die neuen Regelungen die Kunden von den Kapitalmärkten, da die Fülle an Informationen diese überfordern und verunsichern. Die DK argumentiert, dass Kunden i. d. R nicht bevormundet werden möchten, dazu zähle auch zu entscheiden, ob sie auf bestimmte Informationen verzichten möchten oder gar nachträgliche Informationen wünschen.

Gemäß der Studie geben 77,3 % der Befragten an, dass ihnen die umfangreicheren Informationen nicht helfen die Inhalte besser zu verstehen. 64,6 % geben sogar an bei der Informationsflut noch weiter den Überblick zu verlieren. Durch die Menge an Informationen entsteht sogar mehr Erklärungsbedarf. So geben über 90% der Institute an, dass wesentliche Informationen bei der Informationsflut untergehen. Daher sei das Ziel, Transparenz zu schaffen, verfehlt.

Zudem steht laut DK ein überschaubarer Mehrwert immensen Kosten gegenüber. Dabei muss zwischen den Implementierungs- und laufenden Kosten klar differenziert werden. Bei einem Blick in die Studie des Lehrstuhls für Finanzierung und Kreditwirtschaft der Ruhr-Universität Bochum zeigt sich, dass Institute im Durchschnitt 3,7 Mio. EUR an Kostenaufwänden hatten, um die Regulierungsvorgaben von MiFID II und MiFIR zu implementieren, etwa durch:

  • Einarbeitung in die Regulatorik
  • Weiterbildung der Mitarbeiter sowie
  • Anschaffung neuer IT.

Darüber hinaus fallen laufende Einhaltungskosten von durchschnittlich von 508 T EUR jährlich an. Hauptsächlich entstehen die Kosten durch:

  • Informationspflichten
  • Qualifikationspflichten und
  • Überwachungspflichten.

In der Regel steigen die Kosten mit der Größe des Instituts an. Die Kosten spiegeln sich auch im zeitlichen Mehraufwand und dem benötigten Personal, insbesondere in den Bereichen Recht und Compliance sowie Kundenbetreuung und Beratung, wider.

Ein weiterer Kritikpunkt der DK besteht darin, dass nur noch ausgewählte Filialen beraten und die Regulierungen somit zum Rückgang des Beratungsangebotes führen. Laut Studie haben 85,6% der Institute vor, ihr Produkt- und Leistungsangebot segmentspezifisch auszurichten und weitere Angebotsstandardisierung vorzunehmen, um den Beratungsaufwand abzusenken. Zudem sollen die Beratungskosten durch Automatisierungstechniken reduziert werden. Hier sehen sich vor allem kleine und mittlere Institute im Wettbewerbsnachteil.

Die Automatisierung, die Angebotsstandardisierung und die Einschränkung des Leistungs- und Produktangebotes mindert die Individualität der Beratung. Dadurch entsteht zum einem die Gefahr, dass die Nachfrage in Zukunft sinkt, da Kunden kein für sich geeignetes Produkt finden, zum anderen besteht die Gefahr, dass Kunden ein Produkt erwerben, dass nicht optimal für sie geeignet ist.

Weiterhin kommentierte die DK in ihrer Pressemitteilung vom 07.06.2019 die Studie der Bafin. Nach Aussage der DK müsse MiFID II erneut geprüft werden und dabei auch der Kundenfrust ernst genommen werden. Die DK stellte fest, dass die ex-ante Kosteninformation für viele keinen Mehrwert darstellt, da weniger als die Hälfte der Kunden diese lesen (s.o.). Zudem gebe es einen Unterschied zu den Umfrageergebnissen der Bafin in Bezug auf die Aufzeichnung der Telefongespräche. Laut DK haben sich viele Kunden bereits aus dem Telefongeschäft zurückgezogen und die Telefonorders seien um die Hälfte zurückgegangen. Daher könne sie nicht nachvollziehen, wie laut der Bafin-Studie Kunden dem Taping positiv gegenüberstehen. Sie vermutet, dass die Bafin sich auf diejenigen Kunden bezieht, die tatsächlich eine Telefonorder getätigt haben.

Zusammenfassend ist das allgemeine Fazit der DK, dass viele Kunden die neuen Informationsmittel nicht nutzen und die Vorgaben zu Frust bei den Kunden führen, da diese sich ausgebremst und bevormundet fühlen. Zusätzlich entstehen für die Institute hohe Kosten und ein bedeutender zeitlicher Mehraufwand.

Berichte des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB):

Auch im Bankenbrief des Bundesverbandes der deutschen Banken vom 29.03.2019 heißt es, dass die Unzufriedenheit der Anlageberatung auf Grund der neuen EU-Reglungen zunehme. Nach Ansicht vieler Bänker wurde das Hauptziel von MiFID II, nämlich Käufer von Finanzprodukten besser zu schützen und zu mehr Anlagen am Kapitalmarkt zu bewegen, verfehlt. Anlegerinformationen seien zwar wichtig, dürfen den Anleger jedoch nicht überfordern oder entmutigen.

In einem Bericht der „die bank“ heißt es sogar, dass der BdB die aktuelle Ausgestaltung von MiFID II ablehne: „‘Mit der Wertpapierrichtlinie MiFID II ist der europäische Gesetzgeber deutlich über das Ziel hinausgeschossen. Sie ist ein Ärgernis für die Kunden, ein Alptraum für Kreditinstitute und Berater und erweist dem Anlegerschutz und der Wertpapierkultur in Deutschland einen Bärendienst‘, erklärte BdB-Hauptgeschäftsführer Andreas Krautscheid“.

Jedoch beziehen sich die Aussagen des BdBs ausschließlich auf der von der DK beauftragten Studie und deren Kritik an MiFID II.

Fazit:

Dadurch, dass Studien und Berichte zur Umsetzung sowie der Auswirkung von MiFID II nur seitens der Aufsicht sowie einem Bankenvertreter veröffentlicht wurden, ist und bleibt es schwierig, eine neutrale Einschätzung über eine besonders positive oder besonders negative Auswirkung der Regulierung am Verbrauchermarkt zu erhalten. Beide Parteien fokussieren sich auf verschiedene Gesichtspunkte. So legt die Bafin hauptsächlich ihr Augenmerk auf die Umsetzung der Richtlinie, während sich die DK als Vertreter der Institute auf die Auswirkung für Institute und deren Kunden fokussiert. MiFID II bleibt also ein Streitthema zwischen Aufsicht und Praxis und zeigt beispielhaft, wie schwierig es ist, ein Gleichgewicht zwischen funktionierendem Verbraucherschutz und unternehmerischer Tätigkeit zu finden.

Ob sich durch die Kritik an MiFID II neue Anpassungen der Vorgaben ergeben bleibt abzuwarten. Der Handlungsspielraum wird sich jedoch innerhalb der internationalen Vorgaben bewegen.

Wir empfehlen den Instituten sich mit den neuen Regulierungen auseinanderzusetzen. Die Implementierung sollte bei allen Instituten inzwischen weitestgehend abgeschlossen sein. Um die Ressourcen (Zeit, Personal, Kosten) optimal zu nutzen, sollten die Prozesse zur laufenden Einhaltung der Vorgaben genaustens dokumentiert, Prozesse optimiert und Personal fortlaufend weitergebildet werden. Das impavidi-Team unterstützt ihr Institut gerne dabei.

Quelle: BaFin, BdB, DK


 

Zurück