30.07.2020: EU-weiter Stresstest soll angepasst werden.

Luftballon und Nadel

Nach der Finanzkrise im Jahre 2011 richtete die Europäische Bankenaufsichtsbehörde (EBA) einen einheitlichen regulatorischen Stresstest in der EU ein, um die Widerstandsfähigkeit der Kreditinstitute zu erhöhen, die Transparenz zu verbessern und das Vertrauen in den EU-Finanzsektor wiederherzustellen. Er ist ein wichtiges Informationstool sowohl für die Bankenaufsicht als auch für die Kreditinstitute hinsichtlich ihrer Finanzstabilität und Kapitalausstattung. Über die vergangenen Jahre wurden die Kritikerstimmen lauter, so dass der Stresstest einer Überarbeitung bedarf. Die Kritikpunkte sind u.a. die mangelnde Klarheit und Priorisierung der Stresstest-Ziele, die Anwendung methodischer Einschränkungen für einige Risiken, die Verantwortung für die Ergebnisse sowie der hohe Ressourceneinsatz für jede Stresstestübung.

Vor diesem Hintergrund eröffnete die EBA im Januar 2020 eine Konsultation zu möglichen Änderungen des EU-weiten Stresstests. In dem Diskussionspapier stellt die EBA ihr neues Rahmenwerk für einen neuen EU-weiten Stresstest ab 2022 vor. Mit diesem Vorschlag verfolgt die EBA das Ziel, den Stresstest informativer, flexibler und kostengünstiger zu gestalten sowie den Kreditinstituten mehr Selbstbestimmung zu gewähren.

Hauptmerkmale des neuen Stresstests

Das zukünftige Rahmenwerk enthält zwei unterschiedliche Komponenten: die aufsichtsrechtliche Komponente („Supervisory leg“) und die bankbezogene Komponente („Bank leg“) (siehe Abbildung).

Grafik zum Rahmenwerk

Vorgeschlagenes Rahmenwerk für einen EU-weiten Stresstest (Quelle: impavidi GmbH, in Anlehnung an EBA)

 

Der aufsichtsrechtliche Teil ist mit der Säule-2-Leitlinie (Pillar-2-Guidance, P2G) verbunden. Diese Sicht würde auf einer gemeinsamen EU-Methodik basieren, die den derzeitigen eingeschränkten Bottom-Up-Ansatz fortführen würde. Jedoch wird der Ansatz um eine Top-Down-Komponente erweitert: Die Aufsichtsbehörden dürfen die Schätzungen der Kreditinstitute auf Basis der Top-Down-Modelle oder anderer Benchmarking-Instrumente angleichen oder gar ersetzen.

Mit dem bankbezogenen Ansatz schlägt die EBA eine Methodenänderung vor, um den Spielraum der Kreditinstitute bei der Berechnung ihrer Prognosen zu erweitern. So können die Institute ihre eigene Risikoberechnung im adversen Szenario kommunizieren. Zwar wenden die Kreditinstitute in der Praxis dieselbe Methodik wie beim aufsichtsrechtlichen Ansatz an, können aber die methodischen Einschränkungen lockern, um die Gründe und Auswirkungen solcher Abweichungen erklären und offenlegen zu können.

Damit die Vergleichbarkeit gewährleistet ist, würden beide Ansätze die gleichen gemeinsamen Szenarien und Startpunkte zur Berechnung der Stresstest-Ergebnisse nutzen. Die Ergebnisse der beiden Ansätze dienen unterschiedlichen Zwecken: Einerseits sollen die Ergebnisse des aufsichtsrechtlichen Teils in die spezifischen Säule-II-Kapitalempfehlungen einfließen, andererseits sollen die bankbezogenen Ergebnisse offengelegt werden, um die Marktdisziplin und Transparenz zu erhöhen.

Die Standards der Offenlegung der Ergebnisse sollen auf einem hohen Niveau verharren. Dementsprechend soll die Offenlegung beim bankbezogenen Ansatz genauso detailliert wie heute bleiben. Beim aufsichtsrechtlichen Ansatz wäre die Granularität begrenzter. Hierbei stellt die EBA die folgenden drei Möglichkeiten zur Diskussion:

  1. Offenlegung von P2G
  2. Offenlegung von Bandbreiten von P2G
  3. Offenlegung des CET1-Kapitalverbrauchs abzüglich aller aufsichtlichen Anforderungen

Schließlich wird um Rückmeldung zur Umsetzbarkeit von Änderungen des Szenario-Designs gebeten. Zur Diskussion stehen:

  • Berücksichtigung zweier gemeinsamer oder asymmetrischer adverser Szenarien,
  • Einsatz von Sensitivitätsanalysen zur Ergänzung eines einzelnen adversen Szenarios.
  • Einführung von Sondierungsszenarien zur Behandlung von Risiken in einer längerfristigen Perspektive

Diskussion um das neue Rahmenwerk

Wegen der Corona-Pandemie wurde die Konsultationsphase vom 30. April 2020 auf den 30. Juni 2020 verlängert. Verschiedene Interessensgruppen wurden eingeladen, sich an der Diskussion zu beteiligen und Ihre Meinungen zu den geplanten Änderungen bekanntzugeben. Auch die Deutsche Kreditwirtschaft (DK) nutzte die Gelegenheit und beantwortete die 31 Fragen des Konsultationspapiers. Im Folgenden werden wir eine Auswahl der wesentlichen Aussagen der DK aufzeigen.

Im Allgemeinen begrüßt die DK die Initiative der EBA, die Methodik des EU-weiten Stresstests zu überprüfen und ggf. zu überarbeiten, um ihn informativer, kosteneffizienter und flexibler zu gestalten. Allerdings bemängelt sie den Zeitpunkt der Konsultation, dass diese trotz des abgesagten Stresstests von 2020 und der Bewältigung der Corona-Krise durchgeführt wird.

Insgesamt lehnt die DK die Einführung des vorgeschlagenen Ansatzes mit den bankbezogenen und aufsichtsrechtlichen Komponenten ab. Sie hält die derzeitige Methodik für wesentlich besser. Aus ihrer Sicht sei eine Änderung der Methodik nur dann akzeptabel, wenn die Vorschläge der EBA als Verbesserung des Status quo für die wichtigsten Interessensgruppen, insbesondere für die betroffenen Kreditinstitute, Aufsichtsbehörden sowie für die Öffentlichkeit, wahrgenommen werden und nicht auf Kosten einer oder mehrerer Parteien umgesetzt werden. In diesem Fall trifft es nicht zu, da die Vorteile allein auf Seiten der Aufsicht liegen und für die Institute die Nachteile überwiegen:

  • Die Relevanz des Stresstests wird gemindert. Da es unter dem neuen Rahmenwerk zwei Ergebnisse für dasselbe adverse Szenario gäbe, würden die Marktteilnehmer somit zwei Antworten auf die Frage nach der Belastbarkeit des Institutes in dem gegebenen Szenario erhalten. Außerdem spiegeln weder der bankbezogene noch der aufsichtsrechtliche Ansatz die spezifische Risikosituation eines einzelnen Instituts angemessen wider.

  • Der überarbeitete Stresstest liefert laut Aussage der DK keine vergleichbaren Informationen.

  • ·Es besteht die Gefahr, dass die Erweiterung des aufsichtsrechtlichen Ansatzes durch eine Top-Down-Komponente ohne eine ausreichende Qualitätssicherung umgesetzt und unverändert als Grundlage für das P2G-Setting im SREP übernommen werden. Dies würde die Transparenz verringern, da die Ergebnisse der aufsichtsrechtlichen Modelle nicht plausibel und verifizierbar sind.

  • Einerseits werden durch den reduzierten Bedarf an Qualitätssicherung und Diskussion mit den Instituten die Kosten für die Aufsichtsbehörden gesenkt. Andererseits führt der bankbezogene Ansatz zu einem höheren Aufwand und damit zu höheren Kosten für die Institute.

Weiterhin ist die DK der Meinung, dass die Verwendung von Top-Down-Elementen im aufsichtsrechtlichen Ansatz nicht zu einer Verbesserung des Status quo führe, da dieser Ansatz für das mikroprudenzielle Hauptziel des Stresstests nicht ausreichend detailliert wäre. Daneben empfindet die DK den bankbezogenen Ansatz als Etikettenschwindel, da sich die Institute im Wesentlichen an die EBA-Methodik halten müssen und bestenfalls einige wenige Anforderungen außer Acht lassen dürfen.

In der Vergangenheit hat es sich gezeigt, dass granulare Informationen für die Öffentlichkeit nicht von großem Interesse sind und keinen Mehrwert bieten. Daher schlägt die DK vor, die Granularität der Offenlegung deutlich zu reduzieren und sich auf die Offenlegung von Schlüsselaspekten zu fokussieren. Darüber hinaus zieht die DK grundsätzlich ein gemeinsames, abschließendes Stresstestergebnis von der Aufsicht und vom Institut vor. Dies wäre jedoch nur dann sinnvoll, wenn das einzelne Ergebnis tatsächlich das aktuelle Ertrags- und Risikoprofil der jeweiligen Bank widerspiegelt und das Ergebnis durch einen engen Dialog zwischen dem Institut und der Aufsichtsbehörde zustande gekommen ist.

Im Hinblick auf die Änderungen des Szenario-Designs stellt die DK fest, dass die Kreditinstitute zusätzliche Szenarien nicht realisieren könnten. Sie ist der Meinung, dass zwei Szenarien mit unterschiedlichem Schweregrad den Aufwand für die Berechnung und Plausibilitätsprüfung der Ergebnisse erheblich erhöhen. Allerdings erscheint der Erkenntnisgewinn eher gering. Auch die Einführung von Sondierungsszenarien, die auf so unterschiedlichen Zeitskalen wie Tagen oder mehr als 3 Jahren wirksam werden sollen, stellt sehr hohe Anforderungen an die Methodik.

Ausblick

Das neue Stresstest-Rahmenwerk, wenn es in dieser Reichweite umgesetzt wird, würde sowohl Bankenaufsicht als auch Kreditinstitute vor größeren Herausforderungen stellen. Auch wenn der Aufwand einer individuellen, zweiten Rechnung im ersten Moment hoch erscheint, könnte es in der öffentlichen Wahrnehmung trotzdem zu einer positiveren Einschätzung führen, wenn entsprechende Argumente für die eigene Darstellung der Situation kommuniziert werden. Wir sind der Meinung, dass der Änderungsvorschlag der EBA den richtigen Weg weist, und bewerten ihn positiv.

Unser impavidi Team unterstützt Ihr Kreditinstitut bei der Bewertung der Auswirkungen durch die sich ändernden Anforderungen des EBA-Stresstests und begleitet Sie bei der Implementierung. Ebenfalls unterstützen wir Sie sowohl bei der Rechnung als auch bei der Kommunikation der Ergebnisse aus den einzelnen Stresstestverfahren, um ein möglichst transparentes Bild der tatsächlichen Risikosituation in die Medien zu tragen.

 

Quellen: EBA, Deutsche Kreditwirtschaft


 


 

Ansprechpartner

Davor Jurak
Geschäftsführer

Kontakt


 

Zurück