29.07.2020: Institute müssen sich auf erweiterte Anforderungen bei der Kreditvergabe und -überwachung einstellen.

Kreditkarten und Geld

Mit Verzögerung hat die Europäische Bankenaufsichtsbehörde (EBA) ihre finalen Leitlinien zur Kreditvergabe und Kreditüberwachung am 29.05.2020 veröffentlicht. Als Reaktion auf den Aktionsplan des Rates der Europäischen Union für den Abbau notleidender Kredite (NPL) standen diese Ende Juni 2019 zur Konsultation. Die EBA verfolgt mit den Leitlinien das Ziel, die Kreditvergabe- und -überwachungsstandards der europäischen Kreditinstitute zu vereinheitlichen, die Kreditqualität auf Einzelinstitutsebene zu erhöhen und damit einen erneuten Anstieg des Volumens an NPL zu vermeiden sowie den Schutz des Verbrauchers zu stärken. Das oberste Ziel ist es, die Stabilität und Nachhaltigkeit des Finanzsystems zu gewährleisten.

Die neuen Leitlinien zur Kreditvergabe und -überwachung werden die bestehenden EBA-Leitlinien zur Kreditwürdigkeitsprüfung (EBA/GL/2015/11) von Juni 2015 ablösen. Sie betreffen alle Institute, die Kredite an Privat- und Firmenkunden vergeben.

In den neuen Leitlinien werden Vorgaben zum gesamten Kreditprozess beschrieben: von der Kompetenzordnung über Kreditentscheidungsmodelle, Kreditvergabeverfahren und Reporting bis hin zur IT und Dateninfrastruktur. Dabei sind die Leitlinien in fünf Abschnitte eingeteilt:

  1. Interne Governance für Kreditvergabe und Überwachung: Der grundlegende Rahmen für Kreditaktivitäten, einschließlich der Schaffung einer Risikokultur und der Einführung interner Kontrollen, wird dargelegt. Ebenso werden Strategien und Verfahren für das Kreditrisiko aufgezeigt. Schließlich wird der Kreditentscheidungsprozess, einschließlich der Nutzung automatisierter Modelle, konkretisiert.

  2. Verfahren zur Kreditvergabe: Es werden Anforderungen für die Beurteilung der Kreditwürdigkeit der Kreditnehmer festgelegt. Dabei greift die EBA auch den richtigen Umgang mit Kreditinformationen und vertraulichen Daten auf.

  3. Bepreisung: Es wird die Notwendigkeit aufgezeigt, umfassende Preisrahmen einzurichten.

  4. Bewertung von Immobilien und beweglichen Vermögenswerten: Es wird vorgegeben, wie die Institute die Bewertung von Sicherheiten handhaben sollen.

  5. Überwachungssystem: Es werden Bestimmungen zur Kreditrisikoüberwachung festlegt.

Neue Aspekte für deutsche Kreditinstitute

Ein Großteil der Anforderungen aus den EBA-Leitlinien sind zwar den deutschen Kreditinstituten durch die Mindestanforderungen an das Risikomanagement (MaRisk) bekannt, insbesondere die Regelungen zum Kreditgeschäft im Modul BTO 1, jedoch gehen einige Anforderungen über die der MaRisk hinaus. Daneben werden einzelne Aspekte in den EBA-Leitlinien konkretisiert, so dass sie den Kreditinstituten weniger Interpretations- und Handlungsspielraum für die Umsetzung bieten.

Aktuelle aufsichtsrechtliche Themen, die im Zusammenhang mit der Kreditvergabe stehen, werden zusätzlich in den EBA-Leitlinien aufgegriffen. Darunter fallen Nachhaltigkeit und die damit verbundenen Faktoren in Bezug auf Umwelt, Soziales und Governance (ESG), Geldwäsche- und Terrorismusbekämpfung sowie technologiegestützte Innovationen. In Zukunft sind Kreditinstitute dazu angehalten, ESG-Faktoren und die damit verbundenen Risiken in ihre Strategien und -verfahren für das Kreditrisiko sowie in die Bewertung von Sicherheiten und Kreditwürdigkeitsprüfungen einzubeziehen. Die Kreditinstitute, die technologiegestützte Innovationen bei der Kreditvergabe einsetzen, müssen bestimmte Anforderungen erfüllen. Außerdem sollten Kreditinstitute Verfahren entwickeln, wie sie die Risiken sowohl durch Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung als auch durch Betrug im Kreditprozess erkennen, bewerten und steuern.

Weiterhin sind die Vorgaben zur Preisgestaltung und Bewertung von Sicherheiten detaillierter, als es in den MaRisk geregelt ist. Beispielsweise wird von den Instituten verlangt, einen differenzierten Preisrahmen für verschiedene Arten von Krediten und Kreditnehmern einzuführen.

Darüber hinaus sind die Schaffung einer Kreditrisikokultur, eine angemessene Gestaltung der Vergütungsrichtlinien, die Durchführung von Stresstests für das gesamte Kreditportfolio und die Überwachung von Covenants neue Anforderungen für deutsche Institute.

Bei der Kreditwürdigkeitsprüfung müssen Kreditinstitute Sensitivitätsanalysen durchführen. Schließlich sollten sie bei der Kontrolle der Kreditrisiken relevante Frühwarnindikatoren entwickeln, pflegen und regelmäßig bewerten.

Aufgrund der verzögerten Veröffentlichung der finalen Leitlinien sowie der aktuellen COVID-19-Situation wurden die Umsetzungsfristen angepasst. Den Instituten wird eine Umsetzung in drei Stufen gewährt (siehe Abbildung). Demnach bleibt ihnen mehr Zeit, die Lücken im Datenhaushalt und in der Infrastruktur zur Kreditüberwachung zu schließen.

 

Umsetzungsfristen der EBA-Leitlininie zur Kreditvergabe und -überwachung

Umsetzungsfristen (Quelle: impavidi GmbH, in Anlehnung an EBA)

 

Kreditinstitute, die durch die BaFin beaufsichtigt werden, müssen abwarten, inwieweit die Anforderungen der neuen EBA-Leitlinien in nationales Recht umgesetzt werden. Voraussichtlich soll dies im Rahmen einer erneuten MaRisk-Novelle Anfang 2021 unter Berücksichtigung der vorgesehenen Umsetzungs- und Übergangsfristen erfolgen.

Da die EBA-Leitlinien enorme Auswirkungen auf das Datenmanagement der Institute, die Kreditvergabestrategien und die Kundenbeziehungen haben, ist ein zügiges Handeln der Institute angebracht. Institute sollten nicht erst auf die MaRisk-Novelle warten, um mit der nötigen Umsetzung der Anforderungen zu beginnen.

Unser impavidi Team unterstützt Sie bei der Überprüfung Ihrer Kreditprozesse, um mögliche Lücken zwischen der Ist-Situation und den Leitlinienanforderungen zu erkennen. Gemeinsam legen wir die erforderlichen Maßnahmen fest und begleiten Sie auf Wunsch bei der Implementierung der Maßnahmen.

 

Quelle: EBA


 


 

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