28.05.2020: Kreditinstitute müssen ab 2021 Klimarisiken berücksichtigen.

Pflanze, die zwischen dem Asphalt wächst

Die Folgen des Klimawandels und der Umweltzerstörung bergen eine der größten Gefahren für die Weltwirtschaft sowie für das Finanzsystem. Umwelt- und Klimarisiken dominierten in den letzten 3 Jahren den Global Risks Report des Weltwirtschaftsforums. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) hat in ihrer Risikokonstellation im Einheitlichen Aufsichtsmechanismus (Single Supervisory Mechanism – SSM) Klimarisiken als einen wesentlichen Risikofaktor für das europäische Finanzsystem identifiziert. Sie geht davon aus, dass die Klimawandel bedingten Risiken auf längerer Sicht zunehmen werden und sich direkt oder indirekt auf die Institute auswirken werden. Deshalb ist sie der Ansicht, dass Institute beim Umgang mit Klima- und Umweltrisiken einen zukunftsorientierten, umfassenden Ansatz verfolgen müssen.

Damit Institute diese Risiken in ihren Risikosteuerungssystemen angemessen berücksichtigen können, entwickelte die EZB einen Leitfaden zu Klima- und Umweltrisiken, der zurzeit zur Konsultation steht. Der Leitfaden ist an die bedeutenden Institute des Euroraums gerichtet. Ähnlich wie das Merkblatt für Nachhaltigkeitsrisiken der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) (Beitrag vom 23.01.2020) soll der Leitfaden der EZB den bedeutenden Instituten eine Orientierung geben, wie sie sowohl die Klima- und Umweltrisiken in ihre Governance- und Risikomanagementstrukturen einbinden können, als auch bei der Festlegung und Umsetzung ihrer Geschäftsstrategie berücksichtigen sollen. Weiterhin wird erwartet, dass Institute diese Risiken gegenüber den Märkten transparent offenlegen.

Überblick über die wesentlichen aufsichtlichen Erwartungen der EZB

Erwartungen an das Geschäftsmodell und die Geschäftsstrategie

Institute sollten verstehen, wie sich die Klima- und Umweltrisiken auf ihr Geschäftsumfeld auswirken, um fundierte strategische Entscheidungen treffen zu können. Bei der Festlegung und Umsetzung ihrer Geschäftsstrategie sollten die wesentlichen Klima- und Umweltrisiken einbezogen werden.

Erwartungen an Governance und Risikoappetit

Das Leitungsorgan ist angehalten, Klima- und Umweltrisiken bei der Entwicklung der allgemeinen Geschäftsstrategie, der Geschäftsziele und des Rahmenwerks für das Risikomanagement des Instituts zu berücksichtigen und zu überwachen. Darüber hinaus sollten Institute diese Risiken in ihr Rahmenwerk für den Risikoappetit aufnehmen. Ferner sollten Institute die Zuständigkeiten für die Steuerung der Klima- und Umweltrisiken intern klar zuweisen und in ihren Governance-Unterlagen dokumentieren. Bei der internen Berichterstattung sind aggregierte Risikodaten zu melden, die Auskunft darüber geben, inwieweit das Institut Klima- und Umweltrisiken ausgesetzt ist. Diese Informationen dienen dem Leitungsorgan als Entscheidungsgrundlage.

Erwartungen an das Risikomanagement

Die Klima- und Umweltrisiken sollen als Bestimmungsfaktoren etablierter Risikokategorien in das Risikomanagement eingebunden werden, um sie besser steuern und überwachen zu können. Institute müssen diese Risiken bestimmen und quantifizieren, um eine angemessenen Kapitalausstattung sicherzustellen.

Bei der Steuerung der Kreditrisiken sollten die Klima- und Umweltrisiken während des gesamten Kreditgewährungsprozesses berücksichtigt werden.

Im Hinblick auf die operationellen Risiken müssen Institute überlegen, wie Klimaereignisse den Geschäftsbetrieb schädigen könnten.

Weiterhin wird den Instituten geraten, dass sie die Auswirkungen von klima- und umweltbedingten Faktoren auf ihre aktuellen Marktrisikopositionen und künftigen Anlagen fortlaufend überwachen sollten. Auch Stresstestszenarien mit Klima- und Umweltrisiken müssen ausgearbeitet werden. Institute mit wesentlichen Klima- und Umweltrisiken sind dazu angehalten, die Angemessenheit ihrer Stresstests zu überprüfen und diese Risiken in ihr Basisszenario und in ihre adversen Szenarien aufzunehmen.

Wenn wesentliche Klima- und Umweltrisiken zu Nettozahlungsmittelabflüssen führen oder die Liquiditätspuffer massiv verringern lassen, sollten Institute diese Faktoren in die Steuerung des Liquiditätsrisikos und Kalibrierung der Liquiditätspuffer mit beachten.

Erwartungen in Bezug auf Offenlegungen

Institute müssen mindestens aussagekräftige Informationen und zentrale Kennzahlen zu den wesentlichen Klima- und Umweltrisiken offenlegen.

Welche Schritte folgen?

Die Konsultation des Leitfadens wird am 25.09.2020 enden. Die verschiedenen Akteure aus dem Finanzwesen sind aufgefordert, ihre Stellungnahmen bis dahin einzureichen, um einen wertvollen Beitrag für die Fertigstellung des Leitfadens leisten zu können.

Dieser Leitfaden hat keinen juristisch verbindlichen Charakter. Allerdings soll er beim aufsichtlichen Dialog mit der EZB herangezogen werden, in dessen Rahmen die im Leitfaden formulierten Erwartungen mit den Instituten besprochen werden. Außerdem soll mit dem Leitfaden das Bewusstsein der Finanzbranche für Klima- und Umweltrisiken erhöht und die Steuerung dieser Risiken verbessert werden. Von den Instituten wird erwartet, den Leitfaden zu nutzen. Demnach ist zu empfehlen, dass Institute überprüfen, inwieweit ihre derzeitigen Verfahren die Erwartungen der Aufsicht erfüllen. Sofern Anpassungen erforderlich sind, sollten Institute zeitnah mit der Umsetzung beginnen.

Schließlich gab die EZB bekannt, dass sie im Laufe der Zeit ihren aufsichtlichen Ansatz zur Steuerung und Offenlegung von Klima- und Umweltrisiken weiterentwickeln wird. Der Leitfaden scheint demnach der erste Schritt zu einer nachhaltigen Finanzwirtschaft zu sein.

Das Team von impavidi unterstützt Ihr Institut dabei, ihre Risikomanagement-Prozesse im Hinblick auf die Beachtung von Klima- und Umweltrisiken zu untersuchen, den Handlungsbedarf zu identifizieren und passende Lösungen für Ihr Institut zu entwickeln.

 

Quelle: EZB


 

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