23.07.2018: EU fordert eine nachhaltige Anlagenberatung.

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Vor kurzem veröffentlichte die Europäische Kommission Änderungsvorschläge der Verordnung (EU) 2017/565, welche die am 03. Januar 2018 in Kraft getretene Richtlinie 2014/65/EU (MiFID II) ergänzt. Die Änderungen sollen zukünftig regeln, wie Nachhaltigkeitsfaktoren in die Anlageberatung und das Portfoliomanagement einbezogen werden sollen. Die Änderungsvorschläge wurden bereits stark seitens der Deutschen Kreditwirtschaft (DK) kritisiert.

Motivation der EU-Kommission

Erklärtes Ziel der EU-Kommission ist es, Investitionen in Nachhaltigkeit zu fördern. Die Klimaziele sollen bis 2030 erreicht werden. Dazu benötigt der Klima- und Energiebereich geschätzt 180 Mrd. Euro. Dies bedeutet eine wesentliche Neuausrichtung privater Kapitalströme. Zum einen soll der Betrag der Finanzen für nachhaltiges und integratives Wachstum erhöht werden, zum anderen soll die finanzielle Stabilität gestärkt werden. Dafür soll die Verordnung (EU) 2017/565 zur Ergänzung von MiFID II angepasst werden.

Im Allgemeinen stellt MiFID II einen aktualisierten und harmonisierten Rechtsrahmen dar, der dazu dient, Finanzmärkte effizienter, widerstandsfähiger und integrativer zu machen. Die Richtlinie regelt Anforderungen an Wertpapierdienstleistungen. So müssen Unternehmen bestimmte Informationen über ihre Kunden einholen, wie beispielsweise Anlageziele, die bei der Produktauswahl berücksichtigt werden sollen. Bisher wurden hier aber nur finanzielle Ziele genauer betrachtet. In Zukunft sollen auch Präferenzen für Umwelt, Soziales und Unternehmensführung berücksichtigt werden. Die EU-Kommission bezeichnet diese als sogenannte ESG-Faktoren (Environmental, Social, Governance).

Im Rahmen einer Umfrage stellte die EU-Kommission zudem fest, dass nur in sehr seltenen Fällen Kunden selbst ESG-Anlageziele ansprechen. Dafür gibt es hauptsächlich drei Ursachen:

1. Informationen über ESG-Produkte sind nicht transparent.
2. Es besteht ein hohes Risiko an „Greenwashing“.
3. Es fehlt an der Aufklärung über die Auswirkung von ESG-Faktoren auf Risiko und Leistung.

Mit den Änderungen möchte die EU-Kommission nun die ESG-Faktoren zu einem wichtigen Teil bei der Anlageberatung machen.

Welche rechtlichen Elemente sollen also in Zukunft eine Rolle spielen?

Die Verordnung (EU) 2017/565 soll unter anderem um die Definitionen „ökologisch nachhaltige, soziale und Good-Governance Investitionen“ erweitert werden. Außerdem sollen ESG-Faktoren hauptsächlich in den Artikeln 47, 48, 52 und 54 der (EU) 2017/565 ergänzt werden und zukünftig eine größere Rolle bei der Beratung der Kunden sowie der Produktauswahl spielen.

Die Änderungen durch Artikel 1 der delegierten Verordnung sollen Wertpapierfirmen, die Anlageberatung und Portfoliomanagement betreiben, dazu verpflichten, zukünftig mit Hilfe eines Fragebogens obligatorische Bewertungen der ESG-Präferenzen ihrer Kunden vorzunehmen. Diese sollen dann im Prozess der Produktauswahl berücksichtigt werden. Zudem zielt der Artikel darauf ab, dass Informationen zu ESG-Finanzfaktoren transparenter gestaltet und optimiert werden sollen und schon vor der Beratung für den Kunden zur Verfügung stehen müssen (ex-ante Offenlegung von Informationen). Schließlich sollen Wertpapierfirmen einen Bericht für ihre Kunden vorbereiten, der aufzeigen soll, wie die Anlageempfehlung zu den Anlagezielen, dem Risikoprofil, den Verlustkapazitäten und den ESG-Präferenzen des Kunden passen (ex-post Offenlegung von Informationen). Der 2. Artikel befasst sich mit der zeitlichen Umsetzung: Die Änderungen sollen 20 Tage nachdem sie im offiziellen Journal der Europäischen Union erschienen sind in Kraft treten. Anschließend soll es einen Umsetzungszeitraum von 18 Monaten geben. Für alle Mitgliedsstaaten sollen die Änderungen vollumfänglich in Kraft treten.

Kritikpunkte der Deutschen Kreditwirtschaft                  

Im Allgemeinen begrüßt die DK die Absicht der Europäischen Kommission, mehr Finanzmittel für eine nachhaltige Wirtschaft und nachhaltiges Wachstum durch einen Aktionsplan zu mobilisieren. Jedoch kritisiert sie stark die Art und Weise der Umsetzung durch die Änderung der Verordnung (EU) 2017/565. Die wesentlichen Kritikpunkte der DK sind:

1. Die formulierten Definitionen sind nicht aussagekräftig genug und lassen somit viel Spielraum für Interpretation.

2. Es gibt kein Konzept für die Interaktionen zwischen Herstellern und Händlern. Erstere können in der Regel beurteilen, ob Produkte die Nachhaltigkeitsanforderungen erfüllen. Letztere müssen sich auf eine entsprechende Kennzeichnung verlassen können. Das ist allerdings schwierig, da es noch keine genauen und einheitlichen Nachhaltigkeitsqualifikationen gibt.

3. Die DK argumentiert, dass Nachhaltigkeitsüberlegungen im Beratungsprozess, zumindest bis zur Überprüfung von MiFID II, nicht sinnvoll sind. Die bisherigen Änderungen haben bereits zu einer erheblichen Verlängerung des Beratungsprozesses beigetragen. Die DK schlägt daher vor, dass zunächst eine Nachhaltigkeitstaxonomie konzipiert werden sollte, bevor regulatorische Maßnahmen ergriffen werden.

4. Die Anlageentscheidungen sollten nicht zwingend von ESG-Präferenzen abhängen, da diese so immer Vorrang hätten und Produkte, die diese Kriterien nicht erfüllen, nicht angeboten werden dürften.

5. Des Weiteren erschweren die Informationspflichten den Verkauf nachhaltiger Investitionen. Daher vermutet die DK, dass die Palette an Produkten wahrscheinlich eher schmal gehalten, als dass sie gefördert würde. Der Umfang an obligatorischen Informationen werden Kunden davon abhalten eine entsprechende Entscheidung zu treffen. Es wird empfohlen, nur für den Kunden relevante Informationen anzusprechen. Außerdem sollten die Informationen in kein dauerhaftes Medium eingebunden werden, sondern eher allgemein zugänglich sein.

In ihrem Vorwort zum Entwurf der geplanten Änderungen erläutert die EU-Kommission, dass die von ihr ins Leben gerufene High-Level Expert Group (HLEG) bereits festgestellt hat, dass eine Nachhaltigkeitstaxonomie erstellt werden müsste, um Produkte entsprechend klassifizieren zu können. Es bleibt also zu beobachten, wie die Kommission neben den geplanten Änderungen der (EU) 2017/565 weiter vorgeht und eventuell schon einigen Kritikpunkten entgegenwirken kann.

Generell stehen wir Investitionen in nachhaltiges Wachstum sowie einer nachhaltigen Wirtschaft positiv gegenüber. Allgemein ist es zu begrüßen, wenn Unternehmen bereits heute ESG-Faktoren in die Anlageberatung und das Portfoliomanagement einbringen bzw. ihre Kunden darauf ansprechen, ob ihnen diese Faktoren wichtig sind.

Für Unternehmen, die bisher diese Faktoren noch nicht berücksichtigt haben oder eher am Rande abgefragt haben, werden die neuen Anforderungen jedoch einen nicht zu unterschätzenden Implementierungsaufwand verursachen. Dies betrifft unter anderem die Auswirkung auf die technische Erfassung der Beratung, den Beratungsablauf an sich sowie die Berücksichtigung der Ergebnisse bei der Produktempfehlung.

Bei Fragen rund um MiFID II steht Ihnen das impavidi-Team gerne zur Seite.

 

Quelle: Deutsche Kreditwirtschaft, Europäische Kommission


 

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