15.04.2020: Nachhaltigkeitsziele der Bundesregierung erhöhen Aufwand für Kreditinstitute.

Pflanze wächst auf Asphalt

Auf europäischer Ebene wurden im Hinblick auf eine nachhaltige Finanzwirtschaft (Sustainable Finance) bereits wichtige Fortschritte erzielt (wir berichteten). Nun will Deutschland das Thema Nachhaltigkeit weiter vorantreiben. Es wird das Ziel verfolgt, dass Deutschland sich zu einem führenden Standort für ein nachhaltiges Finanzsystem entwickelt. Die Bundesregierung fordert alle Akteure im Finanzmarkt auf, die Transformation zu einem nachhaltigen Wirtschafts- und Finanzsystem zu unterstützen sowie Nachhaltigkeitsaspekte bei ihren Entscheidungen zu berücksichtigen. Sie ist davon überzeugt, dass Sustainable Finance einen entscheidenden Beitrag leistet, um die Finanzmarktstabilität aufrechtzuerhalten sowie die festgelegten Klima- und Nachhaltigkeitsziele zu erreichen.

Vor diesem Hintergrund hatte die Bundesregierung im Juni 2019 den Sustainable Finance Beirat, bestehend aus Experten der Finanz- und Realwirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft, ins Leben gerufen, der sie bei der Entwicklung einer deutschen Sustainable Finance Strategie berät und konkrete Handlungsempfehlungen erarbeitet.

Am 05.03.2020 veröffentlichte der Sustainable Finance Beirat seinen Zwischenbericht „Die Bedeutung einer nachhaltigen Finanzwirtschaft für die große Transformation“. Dieser beinhaltet 53 Handlungsansätze für eine deutsche Sustainable Finance Strategie. Hauptadressaten des Zwi­schenberichts sind die Bundesregierung und öffentliche Hand, die Unternehmen der Realwirtschaft und die Akteure im Finanzmarkt. Der Bericht soll im Rahmen einer Konsultation als Diskussionsgrundlage dienen. Unternehmen, Organisationen und private Personen haben bis zum 03.05.2020 die Möglichkeit, ihren Standpunkt zum gegenwärtigen Diskussionsstand darzulegen. Der Beirat ist besonders daran interessiert, ob und inwieweit die im Zwischenbericht dargestellten Ziele angemessen, verbindlich und praktikabel sind. Weiterhin können Vorschläge zur weiteren Präzisierung der Empfehlungen eingereicht werden. Die Möglichkeit nutzte unter anderem die Deutsche Kreditwirtschaft (DK) und legte ihre Stellungnahme dem Sustainable Finance Beirat Anfang April 2020 vor.

Im Folgenden werden wir die wesentlichen Handlungsansätze aus dem Zwischenbericht vorstellen und passend dazu die Empfehlungen der Deutschen Kreditwirtschaft skizzieren. Dabei beschränken wir uns auf die Handlungsfelder, die für Kreditinstitute und Finanzdienstleister relevant sind.

Einrichtung einer dauerhaften Arbeitsstruktur zur Überwachung der nachhaltigkeitsbezogenen Maßnahmen

Die Arbeit des Sustainable Finance Beirats soll in eine dauerhafte Arbeitsstruktur überführt werden, die sicherstellt, dass die Wirksamkeit der von der Bundesregierung getroffenen Maßnahmen regelmäßig evaluiert wird. Die Deutsche Kreditwirtschaft lehnt ein solches zusätzliches institutionelles Format ab, da mit der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) und der Deutschen Bundesbank bereits Strukturen bestehen, in denen die Nachhaltigkeitsexpertise weiter ausgebaut werden sollten.

Erhebung nachhaltigkeitsbezogener Daten in der Kreditvergabe

Der Sustainable Finance Beirat fordert zum einen die nachhaltigkeitsbezogene Berichterstattung auf alle Unternehmen auszuweiten sowie die Unternehmensberichterstattung mit zukunftsgerichteten Nachhaltigkeitsfaktoren zu ergänzen. Zum anderen verlangt er von den Finanzmarktakteuren, Nachhaltigkeitsdaten im Rahmen der Kreditvergabe systematisch zu erheben. Allerdings bedeutet es für Kreditinstitute, dass sich der Aufwand im Analyseprozess erhöhen würde und dass IT-Systeme angepasst werden müssen. Der Beirat geht davon aus, dass Finanzmarktakteure zukünftig darauf angewiesen sein werden, verschiedene nachhaltigkeitsbezogene Szenarien sowie Stresstests durchzuführen, um die Auswirkungen von Nachhaltigkeitsrisiken besser einschätzen zu können.

Die DK fordert, die Unternehmensberichterstattung mit zukunftsgerichtete Nachhaltigkeitsfaktoren nicht zu erweitern. Durch solche nationalen Alleingänge in der nicht-finanziellen Berichterstattung sei zu befürchten, dass deutsche Unternehmen und Kreditinstitute gegenüber den europäischen Unternehmen und Instituten benachteiligt würden. Weiterhin ist die DK der Meinung, dass die Realwirtschaft gefordert sei, gut aufbereitete Nachhaltigkeitsinformationen bei der Kreditvergabe vorzulegen. Allerdings sollte die Erhebung der zu erbringenden Informationen unter einem vertretbaren Aufwand für die Institute stehen.

Systematische Berücksichtigung wesentlicher Nachhaltigkeitsparameter im Risikomanagement

Der Sustainable Finance Beirat ist zu dem Schluss gekommen, dass die in der Praxis verwendeten Risikomanagementverfahren zurzeit die relevanten Nachhaltigkeitsparameter nicht ausreichend abbilden. Kreditinstitute werden verpflichtet, ihre Risikomanagementsysteme auszubauen, um eine mögliche Wesentlichkeit von Nachhaltigkeitsrisiken feststellen sowie in den bestehenden Prozessen angemessen und systematisch berücksichtigen zu können. Dabei soll die Wesentlichkeit von Nachhaltigkeitsrisiken auf der Basis der Sustainable Development Goals (SDGs) und der Ziele des Pariser Klimaabkommens bewertet werden. Neben der Integration von wesentlichen Nachhaltigkeitsparametern in die Risikomanagementsysteme sei es essenziell, wissenschaftsbasierte und zukunftsorientierte Szenarioanalysen/Stresstests zu nutzen und weiterzuentwickeln.

Die DK hält den aufgeführten Handlungsansatz für verfrüht, da auf EU-Ebene die Europäische Bankenaufsichtsbehörde (EBA) ein Mandat erhalten hatte, die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsrisiken im aufsichtlichen Überprüfungs- und Bewertungsprozess (SREP) zu prüfen und darüber im Juni 2021 einen Bericht zu veröffentlichen, woraus europäische Leitlinien entwickelt werden sollen. Die europäischen Entwicklungen sollten demnach abgewartet werden. Außerdem hat die BaFin Ende 2019 ein Merkblatt zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken herausgebracht (wir berichteten). Die DK ist der Meinung, dass die Erfahrungen mit dem BaFin-Merkblatt zunächst abgewartet werden sollten, bevor weitere Schritte im Ausbau der Risikomanagementsysteme unternommen werden.

Angebote für nachhaltige Finanzprodukte schaffen und ihren Transformationsbeitrag durch ein mehrstufiges Klassifizierungssystem vergleichbar machen

Die gesamte Finanzdienstleistungsindustrie ist aufgefordert, nachhaltige Finanzprodukte in allen Produktkategorien – insbesondere Investmentprodukte, Bankprodukte und Versicherungsprodukte – anzubieten. Jedem Kunden muss zu diesen Produkten ein möglichst leichter Zugang gewährt werden. Eine entsprechende Kennzeichnung aller Finanzprodukte kann dabei unterstützen. Damit Institute ihr konventionellen Finanzprodukte in nachhaltige Finanzprodukte umwandeln oder neue Finanzprodukte einführen können, werden regulatorische Erleichterungen versprochen.

Das geforderte Angebot nachhaltiger Finanzprodukte in allen Kategorien sollte laut der DK dem Markt überlassen werden und nicht durch ein auf Taxonomiebasis verpflichtendes neues Produktklassifizierungssystems erschwert werden.

Anpassung von Anreizsystemen sowie Qualifikations- und Weiterbildungsanforderungen

Für eine vorausschauende Risikobetrachtung in der Finanz- und Realwirtschaft unter Berücksichtigung von Nachhaltig­keitsaspekten ist eine Risikokultur des Managements und der Belegschaft eine essenzielle Voraussetzung. Damit Führungskräfte und Mitarbeitende das erforderliche Wissen und Bewusstsein bezüglich Nachhaltigkeit erlangen, sind Qualifikations- und Weiterbildungsanforderungen sowie Anreiz- und Sanktionsmechanismen in der Unternehmensführung anzupassen.

Beispielsweise wird gefordert, dass Führungskräfte der Finanzwirtschaft eine Weiterbildung in Bezug auf Nachhaltigkeit als Voraussetzung vorlegen müssen, um die Geschäftsleiterlizenz zu erhalten. Weiterhin wird vorgeschlagen, dass die BaFin für operative Schlüsselfunktionen unterhalb der Geschäftsleitung Leitlinien zu den erforderlichen Mindestqualifikationen erstellt bzw. bestehende Anforderungen erweitert, so dass Nachhaltigkeitswissen bei der Besetzung dieser Funktionen berücksichtigt wird. Auch ist eine kontinuierliche Weiterbildung zu Nachhaltigkeitsthemen sowohl auf Führungs- als auch auf Mitarbeiterebene zu integrieren.

Sowohl die Eignung von Mitgliedern des Leitungsorgans als auch die Eignung für Inhaber interner Kontrollfunktionen Compliance, Risikomanagement und Revision beruhen auf europäischen Vorgaben. Im Hinblick auf den einheitlichen Bankenaufsichtsmechanismus seien nach Meinung der DK weitere nationale Eignungsvorgaben nicht zielführend.

Transparenz und Offenlegung für Finanzmarktakteure

Der Sustainable Finance Beirat ist der Auffassung, dass die Offenlegungspflichten der Finanzmarktakteure so angepasst werden müssen, dass sich Anleger, Investoren und Kreditgeber ein realistisches Bild über die Nachhaltigkeit einzelner Investitionen und Finanzmarktprodukte machen können. Sie sind aufgefordert, die in Kürze in Kraft tretenden Berichtspflichten aus der Offenlegungsverordnung und der Aktionärsrichtlinie umzusetzen. Dabei sind sie verpflichtet, umfassend offenzulegen, welchen Einfluss ihre Finanzierungen auf Nachhaltigkeitsthemen haben. Außerdem sind die verpflichtet, über Nachhaltigkeitsrisiken, die sich aus ihren Tätigkeiten ergeben können, zu informieren. Schließlich soll in der Kreditvergabe entsprechend der Nachhaltigkeitsrichtlinie für Kreditanfragen berichtet werden. Damit soll auch eine Veröffentlichung der Anzahl der Kreditanfragen, die aufgrund von Nachhaltigkeitsrisiken abgelehnt wurden, einbezogen werden.

Nach Aussage der DK seien die vom Beirat empfohlenen Veröffentlichungspflichten für die Finanzmarktakteure unverhältnismäßig.

 

Die eingereichten Stellungnahmen werden vom Sustainable Finance Beirat aufgenommen und deren Ergebnisse sollen in einen Abschlussbericht einfließen, welcher der Bundesregierung im Herbst 2020 vorgelegt wird. Daraus soll die Bundesregierung ihren Sustainable Finance Strategie ableiten.

Im Allgemeinen stehen wir von impavidi der Entwicklung einer nachhaltigen Finanzwirtschaft positiv gegenüber. Die vom Beirat vorgeschlagenen Handlungsempfehlungen werden, wenn sie in eine deutsche Sustainable Finance Strategie und später in gesetzlichen Regularien überführt werden, einen deutlichen Mehraufwand für Institute in verschiedenen Bereichen hervorheben. Bei der Beratung zu diesem Aspekt stehen wir Ihnen vom impavidi Team gerne zur Seite.

 

Quelle: BMF, Deutsche Kreditwirtschaft


 

Zurück